Jan 232014
 

Wenn übliche Begriffe nicht mehr so gut verfangen, muss etwas Neues her, möglichst genauso oder noch besser stigmatisierend dennoch dezenter und weniger angreifbar. Das ist die Stunde der „thinktanks“ oder auch „spindoctors“.

Eine ganze Zeit lang war die Politik im Hinblick auf Erwerbslose mit den alten Begriffen wie „Sozialschmarotzer“, „Arbeitsscheue“, „Faulenzer“ etc. bis hin zu „Sozialbetrüger“ bestens bedient. Irgendwann aber merkten die „bildungs- und herrschaftsnahen Schichten“, denn aus diesem Milieu kommen diese manipulativen Steuerungen, dass diese Begriffe nicht mehr die gewünschte, umfassende Wirkung zeigten, zu vieles sprach dagegen. Etliche, sogar von den „bildungs- und herrschaftsnahen Schichten“ in Auftrag gegebene Studien, ja selbst bereits geschönte Statistiken zeigten eine andere Wirklichkeit.

Der Sozialbetrug liegt nicht nur im Einzelfall weit unter den Werten sondern sogar insgesamt sowohl prozentual als auch absolut weit unter einem vergleichbaren Delikt – dem Steuerbetrug.
Dieses „Hobby“ der „bildungs- und vermögensnahen Schichten“, zum Großteil noch durch entsprechende Verordnungen legalisiert, salopp gesagt ist selbst das „Drittpferd“ der „Zweitfrau“ noch steuerlich absetzbar, kostet die bei Hartz4 so gern bemühte, fleißige Krankenschwester als „Steuerzahlerin“ weit mehr als nur ein paar Euro pro Jahr.

Auch die „Arbeitsscheuen“ und „Faulenzer“ hatten nach einer Studie der BA (Allensbach-Institut) keine Arbeitsgrundlage mehr. Zu viele Aufstocker und jede Menge anderer Arbeitswilliger bewirkten, dass die sorgsam aufgebaute und permanent durch Politik und Medien gepushte Fassade vom „dekadenten Hängemattenwohlfühler“ Risse bekam. So breit und deutlich sichtbar, dass sich auch die BA genötigt fühlte mit den 5 größten Irrtümern über Hartz4empfänger aufzuräumen.

Nachdem diese Irrtümer fast ausgeräumt waren, mussten allerdings andere Begriffe her, denn Erwerbslosigkeit muss selbstverständlich ein individuelles Versagen bleiben. An diesem Glaubenssatz darf nicht gerüttelt werden, weil nur dadurch der Strafcharakter von Hartz4 aufrecht zu erhalten ist. Würde Erwerbslosigkeit als eine durch das System bedingte Gesellschaftskrankheit definiert, müsste zwangsläufig anders darauf reagiert werden. Hier verweise ich nochmals auf das Evangelii Gaudium.

Was lag in einer hochtechnisierten Informationsgesellschaft also näher, als, neben anderen individuellen „Vermittlungshemmnissen“, die „Bildungsferne“ als neue Ursache der Erwerbslosigkeit zu kreieren. Wobei, so ganz geglückt ist dieses neue Stigma nicht.

Denn auch hier darf und muss man sich natürlich fragen, wie kann das „so plötzlich“ sein, ein großer Teil des Volkes so ca. ab 1990 völlig „verblödet“ – geht das? trotz Schulpflicht? Oder hatte auch das wieder gesellschaftliche, systembedingte Ursachen?
Tatsache ist, dass eine hochtechnisierte Informationsgesellschaft nicht mehr so viele „kluge Köpfe“ braucht, sehr wohl aber viele „Dienstleister“, die den weniger gewordenen „klugen Köpfen“ den Alltag erleichtern – Putzfrauen, Kindermädchen, Handlanger, usw. möglichst, da nun auch in großem Umfang steuerlich absetzbar sic!, im Dutzend und ungelernt sic! noch billiger.
Der Zusammenbruch des „Ostblocks“ und die Öffnung der Grenzen in Europa kamen da, als „Ursache“ und „Brandbeschleuniger“ gleichzeitig, gerade recht.
Wobei die „Bildungsferne“ als angeblich individuelle Hauptursache der Erwerbslosigkeit noch einen zweiten „Schönheitsfehler“ hat, sie erklärt leider nicht den nicht zu vernachlässigenden Anteil gut ausgebildeter Fachkräfte, z.T. mit akademischer Ausbildung, in Erwerbslosigkeit und erst recht nicht die Existenz der „Generation Praktikum“.
Andererseits ist die „Bildungsferne“, insbesondere „bildungsferne Schichten“, als Stigma hervorragend geeignet, erklärt dies doch alles – neben Erwerbslosigkeit auch gleich die Vernachlässigung von Kindern, mangelhafte Gesundheit, falsche Ernährung, Kriminalität, den „Hunger“ nach Flachbildschirmen und Handys sowie l.b.n.l. falsches Kaufverhalten (billig) und somit auch die Schuld an der Massentierquälung und den Opfern in fernen Produktionsländern. „Das alles und noch viel mehr…“

Bravo, liebe „bildungs- und herrschaftsnahe Schichten“, das war doch mal wieder ein gelungener Schlag gegen eine Minderheit die man heutzutage eben nicht mehr so einfach „entsorgen“ kann, selbst wenn sie noch so überflüssig oder unangenehm sind. Doch halt, so einfach gewollt kann das ja wieder auch nicht sein, denn durch ihren 100 % Konsum spülen sie ja richtig Geld in eure Kassen, wer sollte diesen Müll sonst wohl kaufen und sogar (fr)essen, ihr doch wohl bestimmt nicht.
Auch die klassische Entsorgungs- und Erneuerungsmöglichkeit, der nationale Krieg, funktioniert, zumindest in unseren Breiten, nicht mehr so richtig. Dabei hat er mittlerweile ohnehin noch einen Schönheitsfehler – dank Hochtechnologie stirbt nur eine Seite in Massen. Da allerdings gerne auch Frauen und Kinder, die früher eher weiter weg von dem Geschehen waren – wo gehobelt wird fallen halt auch menschliche Späne,  sogar in einem überproportional umgekehrten Verhältnis zu den eigentlichen Zielen.

  One Response to “Bildungsferne Schichten?”

Comments (1)
  1.  

    stell dir vor es ist krieg und keiner geht hin !

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(benötigt)

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