Jan 312013
 

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass Sieger die Geschichte schreiben. Ebenso bekannt ist, dass die, die Macht haben, Propaganda betreiben. Ungewöhnlich ist allerdings, wenn eine freie Presse diese Propaganda in Form von scheinbar redaktionellen Beiträgen verbreitet.

Zu Bismark´s und Kaiser´s Zeiten waren Sozialdemokraten die „Volksschädlinge“ und Täter, kurze Zeit später waren es Juden, „Arbeitsscheue“ und Homosexuelle und heute sind es die Leistungsbezieher oder „Kunden“, die nicht nur als „Sozialschmarotzer“ und „Sozialbetrüger“ von Steuermitteln leben sondern sogar ihre „Helfer“ mit Gewalt überziehen.

Während Sozialbetrug aber wenigstens noch in einem messbaren Bereich – je nach Statistik zwischen 1,5 und 5 %, liegt, entzieht sich der einseitige Gewaltvorwurf jeder messbaren Größenordnung.
Ca. 2000 tägliche Kundenkontakte ergeben bei 220 Arbeitstagen jährlich 440.000 Kontakte. Bei jährlich ca. 50 „Übergriffen“ ergibt das eine Quote von 0,012 %.
(Quelle: Jobcenter)

Da das alleine beim besten Willen nicht zu „verkaufen“ ist, werden „schwere Geschütze“ in Form eines Todesfalles und einer Geiselnahme aufgefahren.
Nun ist das sicher kein Spaß und selbst bei der zahlenmäßigen Unverhältnismäßigkeit muss Gewalt spätestens dann thematisiert werden. Dazu gehört allerdings, dass zumindest die Fakten stimmen, alle massiven Gewalttaten benannt werden und auch nach Ursachen, Gründen und Anlässen gefragt wird.
Hier fehlt es aber offenkundig bereits an der Wahrheit. So galt der tödliche Angriff in Neuß eben nicht der Jobcentermitarbeiterin, sondern sie wurde zufällig zum Opfer.
(Quelle: Berliner Morgenpost, Ziel – ein MA eines „anderen Instituts“)

Während das noch eine thematische Ungenauigkeit sein könnte ist die Geschichte mit der Geiselnahme eine glatte Lüge.
Lt. Gerichtsverhandlung ging es am Tatort (Zimmer des Bereichsleiters) zu wie in einem Taubenschlag. Mehrere Personen haben das Zimmer betreten und wieder verlassen.
Dazu gehörte auch Frau Winkler, die sich, im Gegensatz zu der Geisel!, sofort und intensiv darum bemühte die Situation glimpflich zu beenden.
Sie war allerdings zu keinem Zeitpunkt Geisel.
(Quelle: Berichterstattung zu allen Verhandlungstagen)

Wenn schon Gewalt im Jobcenter thematisiert wird und das ist längst überfällig, dann gehört sicher die institutionalisierte aber auch sehr persönliche und alltägliche Gewalt seitens der Jobcentermitarbeiter dazu, über die nicht nur in großen Foren und bundesweiter Presse tagtäglich berichtet wird, über die auch wir etliches zu erzählen wissen und die letztlich sogar in zigtausend Gerichtsverhandlungen und Urteilen dokumentiert ist.
Und wenn schon Todesfälle benannt werden, dann zumindest auch der in Frankfurt. Denn wenn sich das Jobcenter in diesem Fall nur rechtskonform verhalten hätte, von menschlichem Verständnis – „wir tun Gutes und helfen den Menschen“ – ganz zu schweigen, wären weder der Polizist verletzt noch die „Kundin“ getötet worden.
(Quelle: Leiterin des Jobcenters: „…die Auszahlung des verweigerten Barbetrages in Höhe von 10 Euro war möglich…“)

Das Täter sich selbst als Opfer darstellen durchzieht nicht nur die Rechtsgeschichte wie ein roter Faden. Aufgabe einer freien Presse ist es genau hinzuschauen und zu verhindern, dass diese Täter dann auch noch ihre Opfer zu alleinigen Tätern machen.
Zumal selbst offizielle Stellen wie Polizei, Staatsanwälte und Richter hierzu z.T. ein sehr differenziertes Bild liefern.
Aktion Jobcenter Städteregion v. 17.01.2013 (nur noch Fehlerseite)
das leicht modifizierte „Original“ 😉
Bericht Super Sonntag v. 20.01.2013
Bericht Aachener Zeitung v. 23.01.2013

  5 Responses to “Wie aus Tätern Opfer werden”

Comments (5)
  1.  

    Ich befürchte, dass mir die Verlinkungen unterhalb des Artikels untergegangen sind, denn hätte ich sie gelesen, wäre meine Frage im ersten Kommentar überflüssig gewesen.
    Ich bitte um Nachsicht 😉

    Die Abwandlung des (in meinen Augen zynisch anmutenden) Originals finde ich sehr gelungen und werde auf diese „actio/reactio“ in meinem Blog hinweisen.

    Habe ich es richtig verstanden, dass tatendrang nunmehr selbst auch eine Plakataktion in’s Leben rufen möchte? Schafft Ihr das -vor allem aus Gründen der Finanzierbarkeit- zeitnah?
    Fände ich richtig klasse und würde gerne mit ein paar Euro zur Verwirklichung beitragen (ggfs. gibt es noch weitere Unterstützer, da müsste ich rumhorchen)

    liebe und solid. Grüße
    Ellen

    •  

      Hallo Ellen,
      (wir)
      haben es
      (rechtzeitig zum Zahltag
      geschafft
      (Plakats-/Plagiatsatsaktion)!,

      Karl vom Tatendrang

      •  

        Danke für die Info, Karl.
        Da es mich gesundheitlich „erwischt“ hat, habe ich Deine Antwort erst jetzt gelesen.
        Prima, dass es geklappt hat. Gibt es ggfs. Bilder von der Zahltagsaktion? Da ich morgen den Artikel über Aachen schreiben will, wäre Foto-Futter zusätzlich natürlich klasse. Ansonsten gibts eben „nur“ Text und link zu t-ac…

        solid.Grüße
        Ellen

  2.  

    Lieber Horst,
    ich gehe davon aus, dass Du diese Aktion der Städteregion meinst http://www.jobcenter-staedteregion-aachen.de/aktuelles-presse/pressemitteilungen/einzelansicht/artikel/jobcenter-gegen-gewalt.html

    Vermutlich nehmen diejenigen, welche tagtäglich Ausübende struktureller Gewalt sind, diesenicht als solche wahr. Ein Gewissen -so vorhanden- wird wahrscheinlich beruhigt mit der Einrede:“ Ich mache nur meinen Job und nicht das Gesetz“.
    Hier auf Einsicht (jenseits von fragwürdigen Lippenbekenntnissen) zu hoffen ist zumindest mir kaum mehr möglich.
    Was die freie (äh, wie bitte?) Presse betrifft…nun ja, nicht erst seit des bitteren Resume´der ROG -> http://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/rte/docs/2013/130130_Nahaufnahme-Deutschland_layouted.pdf ist mein Vertrauen in die ehemals vierte Gewalt dahin.
    Für Gegenstimmen und Berichte jenseits des Mainstream werden wohl (trotz vielerlei Unfug, der im www verbreitet wird) unabhängige und kritische Blogger wichtig bleiben.
    lG
    Ellen

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(benötigt)

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